Zum Wohle des Tischtennis-Sports?
Der Rücktritt von Monika Führer (Bild, rechts Pavel Rehorek) und Laura Schärrer aus der Nationalmannschaft ist der bisherige Schlusspunkt einer Neuorientierung im Leistungssport, deren Umsetzung eine ungewollte, negative Eigendynamik angenommen hat. Die beiden 18-jährigen Schaffhauserinnen protestieren gegen die Kündigung von Nationaltrainer Pavel Rehorek und fordern dessen Wiedereinsetzung. Im Rahmen einer Neustrukturierung im Leistungssport hat Swiss Table Tennis per Ende Juli alle bestehenden Arbeitsverhältnisse mit den bisherigen Kadertrainern gekündigt. Der Verband will seine knappen finanziellen Mittel effizienter einsetzen und verfolgt das Ziel, in den kommenden Jahren bessere internationale Resultate im Elitebereich zu erzielen. Der Konflikt hat bisher viel „Geschirr zerschlagen“, wobei vor allem der Tischtennissport als grosser Verlierer da steht.
Text: Michel Modoux, Bilder: Rémy Gros (ITTF), Stephan Roscher
Begonnen hat alles mit einer finanziellen Enttäuschung. Das im Jahre 2005 gesetzte wichtige Ziel, die Einstufung von Swiss Table Tennis in die Kategorie 3 von Swiss Olympic, wurde nicht erreicht. Eine Aufklassierung hätte dem Verband für die nächsten vier Jahre mehr finanzielle Mittel für den Leistungssport gebracht. Diese bleiben nun aus und so ist das Budget im Leistungssport auch bis 2012 gleich. Der Hauptgrund liegt in den ungenügenden sportlichen Resultate der letzten vier Jahre, sowohl im Nachwuchs- als auch im Elitebereich. Für Georg Silberschmidt, Chef Leistungssport, war dies der Hauptgrund, für den Richtungswechsel: „Die Grundproblematik ist, dass wir seit vier Jahren mit dem gleichen Budget auskommen müssen. Zudem habe ich erkannt, dass viele Kaderspieler nicht die nötige Bereitschaft zeigen, die man als Leistungssportler braucht.“ Man wolle die wenigen Mittel effizienter einsetzen und vor allem jene Spieler/innen unterstützen, die den Willen und das Potenzial haben international nach vorne zu kommen.
Die Resultate sind entscheidend
Es sollen Rahmenbedingungen geschafft werden, die es den Spieler/innen erlauben, den Sprung in die Top-100 der Weltrangliste zu schaffen. Zudem verfolgt man das Ziel, mit einer Spielerin oder einem Spieler an den Olympischen Spielen 2012 in London teil zu nehmen und im nächsten Zyklus in die 3. Kategorie von Swiss Olympic eingestuft zu werden. „Wir brauchen bessere internationale Resultate, denn im Leistungssport zählen nur die Resultate. Ob ein Spieler oder eine Spielerin auf Position 300 oder 500 im Weltranking einnimmt, interessiert letztlich niemanden“, betont Silberschmidt.
Das neue Konzept sieht vor, unter anderem die sogenannten „Topshots“ vermehrt zu unterstützen, also Spieler/innen, die den Willen und das Potenzial haben, international nach vorne zu kommen. Auch im Nachwuchsbereich soll sich einiges ändern. Der Chef Leistungssport präzisiert: „Bis und mit U15-Stufe bleiben die aktuellen Strukturen bestehen. Ab dem U18-Bereich werden gezielt nur noch Spieler/innen intensiv gefördert, die zur Zielerreichung beitragen können.“
Rücktritt gefordert
Für die Umsetzung des Konzepts und vor allem, um nicht im voraus einen Trainer für die neu zu schaffende Stelle als Cheftrainer (zu 80% angestellt) zu favorisieren, wurde allen bisherigen Kadertrainer (Pavel Rehorek, Pedro Pelz, Sonja Wicki, Samir Mulabdic und Karl Rebmann) das bestehende Arbeitsverhältnis gekündigt, mit dem Hinweis, dass in Kürze mit den Trainern eine Sitzung über die Neuausrichtung und die in der neuen Struktur vorgesehenen Trainerstellen stattfinden wird. Silberschmidt betont, dass er grundsätzlich mit der Arbeit der Trainer zufrieden war, dass aber insbesondere die Doppelfunktion Club-/Kadertrainer zu immer grösseren Interessenkonflikten führte.
Der grösste Widerstand erhebt sich derweil beim TTC Neuhausen, der vom neuen Konzept direkt betroffen ist. Neuhausen beschäftigt Pavel Rehorek und Pedro Pelz als Clubtrainer und diese sind mit je rund 30 Prozent als Nationaltrainer bei Swiss Table Tennis engagiert. Trotz der Kündigung durch Swiss Table Tennis werde man auch weiterhin mit den beiden Trainern arbeiten, verrät der Präsident des TTC Neuhausen, Urs Schärrer. Der Schaffhauser findet das neue Konzept prinzipiell gut. Er kann jedoch die Art und Weise nicht akzeptieren, mit welcher die neue Richtung eingeschlagen werden soll: „Man entlässt alle Trainer - mit deren Arbeit man zufrieden ist - und gibt ihnen dann die Möglichkeit, sich später wieder für die neuen Posten zu bewerben. Das ist menschlich nicht korrekt und beweist Führungsschwäche des Ressorts Leistungssport.“ Schärrer fordert darum den Rücktritt von Georg Silberschmidt: „Sein Führungsstil hat einen grossen Vertrauensverlust bewirkt. Es kann nicht sein, dass er alle Trainer entlässt und sich selber nicht in Frage stellt.“ Ein Kriterium für den neuen Nationaltrainer soll zudem sein, dass dieser nicht in einem anderen Club Trainings gibt. „Um Interessenskonflikte zu vermeiden“, betont Georg Silberschmidt. Eine Anstellung von Rehorek oder Pelz ist somit faktisch ausgeschlossen, da Neuhausen die Trainer halten will.
Führer/Schärrer geben Rücktritt
Reaktionen gab es auch bei den Spielerinnen. So sind Monika Führer und Laura Schärrer im Januar aus der Nationalmannschaft zurück getreten. Die beiden Spielerinnen trainieren im Club und in der Nati seit rund acht Jahren unter Pavel Rehorek. „Ich sehe absolut keinen Grund, dass Pavel gehen soll. Laura und ich haben ihm unser Niveau zu verdanken“, betont Monika Führer. Der Entscheid des Rücktritts sei ihr nicht leicht gefallen aber für die 18-Jährige ist auch klar. „Solange Pavel nicht wieder eingesetzt wird, bleibt unser Rücktritt bestehen.“ Eine Unterredung mit Georg Silberschmidt mit den beiden Nationalspielerinnen hat nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Für den Chef Leistungssport war jedoch auch klar, dass auf die Forderung der Spielerinnen nicht eingegangen werde. Silberschmidt steht hinter seinem Konzept, denn er ist überzeugt, dass sich auf nationaler Ebene etwas ändern muss. Die Rücktrittsforderungen von Seiten des TTC Neuhausen findet er schade: „Es wäre jedoch das falsche Signal, wenn ich jetzt zurücktrete.“
Lösung in Sicht?
Die Fronten zwischen Swiss Table Tennis und dem TTC Neuhausen bzw. dem Duo Führer/Schärrer scheinen verhärtet. Ein Grund dafür ist, dass der Konflikt öffentlich ausgetragen und in den Medien zum Teil unsachlich kommuniziert wurde. Eine negative Eigendynamik, gegenseitige Schuldzuweisungen und eine festgefahrene Kommunikation der Konfliktparteien waren die Folge. Urs Schärrer und der TTC Neuhausen halten indes an der Rücktrittsforderung fest. Dasselbe gilt für Georg Silberschmidt, der das neue Konzept durchziehen will. Die Lösung des Problems ist völlig offen.
Ein erster Schritt zur „Normalisierung“ der Situation war die kürzlich statt findende ausserordentliche Sitzung des Zentralvorstandes, bei welcher das neue Konzept zum Teil bemängelt wurde. Als zweiter Schritt ist eine Unterredung mit den entlassenen Kadertrainern geplant: „Wir werden das Problem analysieren und versuchen eine Lösung zu finden“, betont Geschäftsführer Laurent Langel. Er kann verstehen, dass die Entscheidung bei den Betroffenen Unzufriedenheit auslöst und hofft auf einen vielversprechenden Neuanfang.
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