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Was machen Schweizermeister nach ihren Rücktritten?

Christelle CherixWer vom Tischtennisvirus einmal angesteckt ist, kommt nur schwer davon los. Die besten Beispiele sind Thierry Miller und Stefan Renold. Die Dominatoren der 1980er- und 90er-Jahren sammeln weiterhin fleissig Medaillen an Schweizermeisterschaften. Um also ehemalige Schweizer Tischtennischampions zu nennen, die nicht mehr aktiv sind, braucht es schon ein gutes Gedächtnis. Bei den Damen sieht die Situation etwas komfortabler aus. Doch was ist aus den Tischtennishelden von damals geworden? Womit betätigen sie sich heute? (Bild: Christelle Cherix, Schweizermeisterin 1999 und 2002)

Text: Marius Widmer, Bilder: Marius Widmer, René Zwald, Christoph Kaminski

Der beste Schweizer Tischtennisspieler der 1960er-Jahre war der Berner Marcel Grimm. Von 1964 bis 1973 sammelte er acht Einzeltitel. Grimm setzte der Ära von Hugo Urchetti, der zwischen 1942 und 1962 stolze 16 Titel im Herren Einzel gewann und damit sogar noch vor Thierry Miller steht, endgültig ein Ende.
Zum Tischtennisschläger greift der heute 67-Jährige nur noch selten, ohne Sport kann er jedoch nicht leben. „1973 spielte ich das letzte Mal für die Nationalmannschaft“, sagt der ehemalige Maschineningenieur. Danach fing er an Tennis zu spielen und wollte einfach nur Spass haben. „Doch kaum hatte ich den Schläger in der Hand, wollte ich besser werden.“ Grimm war tatsächlich auch im Tennis erfolgreich, war ein starker Regionalligaspieler, Klassierung R1 und sammelte bei den Senioren abermals Schweizermeistertitel.

Marcel Grimm, die Sportskanone
Auf die Frage nach seiner Tischtenniskarriere muss er heute schmunzeln. „Das ist schon so weit zurück. Manchmal kommen wir wieder Sachen in den Sinn. Damals habe ich am Technikum in Biel studiert. Ich kam jeweils nach Hause und ging von acht bis 22 Uhr trainieren. Danach habe ich oft bis um Mitternacht gelernt, um am nächsten Tag mit dem 6-Uhr-Zug von Bern wieder nach Biel zu gehen.“
Gelohnt hat sich der Aufwand finanziell zumindest nicht. „Wir mussten das Trinken selber bezahlen, wenn wir mit der Nati ins Ausland gingen. Aber Tischtennis gab mir Freude, Freude am Kampf, das merke ich immer noch beim Tennis.“ Seit nun schon 12 Jahren ist er pensioniert. Grimm musste als Maschineningenieur viel reisen. Die Firma, bei der er arbeitete, hatte spezielle Verfahren entwickelt, die weltweit angewendet wurden. „Ich bin viel gereist, aber habe wenig gesehen.“
Eines Tages überzeugte ihn seine Frau, dass sie finanziell abgesichert seien und seither geniesst das kinderlose Ehepaar das Leben. Sie bereisen die Welt, fahren Snowboard oder gehen surfen in Südfrankreich. Tischtennis spielt kaum mehr eine Rolle in seinem Leben. „Einmal pro Jahr gehe ich mit den ehemaligen Kollegen von der GGB Bern in die Halle“, erzählt Grimm. Eine, die auch meist dabei ist, ist Vreni Lorenzini-Lehmann, die noch unter ihrem Mädchennamen vier Einzeltitel in den 1970er-Jahren sammelt. „Danach gehen wir jeweils ‚eins ziehen’.“

Christelle Cherix, auf zu neuen GipfelnChristelle Cherix
Bereits mit 16 Jahren wurde Christelle Cherix 1999 Schweizermeisterin. Drei Jahre später wiederholte sie den Coup. Trotzdem zog sie sich aus der Nationalmannschaft und nun auch ganz aus dem Tischtennissport zurück. „Grund für meinen Rücktritt vor rund einem Jahr waren fehlende Motivation und Zeit“, sagt sie heute dazu. „Meine Arbeit fordert mich sehr und am Abend habe ich dann das Bedürfnis abzuschalten.“
Mit ihrem Freund  hat sie eine neue Leidenschaft entdeckt. „Dank meinem Freund habe ich die Welt der Berge entdeckt und kann mich seither nicht mehr davon lösen. Ich musste mich also entscheiden, denn ich habe nicht die Zeit alles zu machen.“
Beruflich hat sich Cherix selbständig gemacht. „Nach meiner Lehre als Osteopathin habe ich meine eigene Praxis in Vuadens, einem kleinen Dorf in der Nähe von Bulle, eröffnet. Ich wohne immer noch im Wallis, in St-Gingolph, am Ufer des Genfersees.“ Der Sport spielt trotzdem noch eine Rolle in ihrem Leben. „Zur Zeit mache ich viel Sport an der frischen Luft: Im Winter sind es Skitouren und im Sommer das Bergsteigen, Segeln oder einfach Spaziergänge in den Bergen. Mit einigen Freunden hatten wir die Gelegenheit einige herrliche Gipfel zu erklimmen!“ Tischtennis ist ihr aber nicht mehr so wichtig, sie spiele „ab und zu mit Freunden“ sagt sie dazu.

Carmen Witte, die Rückkehrerin
In den 1980er-Jahren gewann Carmen Witte dreimal den Titel, als Renold und Miller an der Hegemonie von Thomas Busin zu kratzen begannen. Über ihren Rücktritt sagt sie heute Folgendes: „Nach über 10 Jahren Tischtennissport in der Nationalmannschaft habe ich aufgehört. Dies nicht aus Überdruss oder Ärger, sondern weil ich Anderes erleben wollte.“ Mittlerweile ist sie als Logopädin tätig, nachdem sie längere Zeit in Thailands Hauptstadt Bangkok gelebt hat.
Doch die tischtennisfreie Zeit ist im Leben der Carmen Witte vorbei. Eine geballte Ladung Familienpower ist mit dem TTC Uster in der 1. Liga auf Aufstiegskurs. „Seit einiger Zeit trainiere ich aber ein- bis zweimal in der Woche meine Tochter Nurit. In diesem Jahr spielen meine Zwillingsschwester und ich zusammen mit unseren Töchtern Liza und Nurit.“  Rückblickend weiss sie den Einfluss des Sports auf ihr Leben positiv zu schätzen. „Es war für mich eine wichtige Zeit und der Sport hat mir viel Selbstvertrauen gegeben und mich stärker gemacht.“

Carmen Witte

Kutschiert in Uster und am Neid gewachsen
Eine der schönsten Erinnerungen mutet bizarr an und erinnert eher an die Meisterfeier eines Eishockeybergvereins. „Unser erster Mannschaftstitel in der Nationalliga A, bei welcher wir von der Stadt Uster mit Kutsche und Orchester am Bahnhof empfangen worden sind“, wird sie wohl ihrer Lebtage nicht vergessen.
Doch Witte, die von Berufs wegen mit Kindern zusammenarbeitet, vergisst den menschlichen Aspekt nicht. „Auch denke ich an sportliche Ereignisse, welche für mich als ich jung war nicht einfach zu verkraften waren. Neid, Vorurteile, Gehässigkeiten, an diesen bin ich nicht gescheitert, sondern eher gereift.“ Witte fährt weiter: „In jungen Jahren sind dies Hürden, die nicht einfach zu bewältigen sind. Man braucht Menschen, welche an einen glauben und einen nicht hängen lassen oder aufgeben, wenn es mal nicht gut läuft. Junge Menschen sind fragil, wirken oft stärker als sie sind und die Pubertät und das Erwachsen werden ist nicht immer einfach.....“.
Solch weise Worte hört man nicht oft. Und wenn sich Carmen Witte eines Tages für den Posten der Nachwuchsnationaltrainerin bewerben sollte, müssten sich die anderen Bewerber ganz schön warm anziehen.

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 13. Februar 2009 )