Alle Zuschauer lieben
sie, nicht so ihre Gegner. Respektiert werden sie aber von jedermann: die
Abwehrspieler. Wie ist es um ihre Zukunft bestellt?
Text teilweise der Zeitschrift „tischtennis" entnommen,
mit freundlicher Genehmigung des Philippka-Sportverlags, Münster, Deutschland
Die märchenhafte
Geschichte begann 1954. Damals kratzte ein 13-jähriger Junge sein Geld zusammen
und erfüllte sich seinen grossen Wunsch: Er kaufte sich seinen ersten
Tischtennisschläger, Modell Bengt Grieve. "Der hat damals 9,90 Mark
gekostet und hatte auf beiden Seiten Noppengummi", erinnert sich der Mann
heute, 55 Jahre später.
Eberhard Schöler - bester Abwehrspieler der Geschichte
Der Junge hatte
Talent für das Spiel, vor allem aber trainierte er unermüdlich. Noch ahnte
niemand, dass sein Name eines Tages sehr viel berühmter werden sollte als der
des Schweden Bengt Grieve. Doch er wurde zu einer Legende. Bis heute gilt
Eberhard Schöler als bester Abwehrspieler in der Geschichte des
Tischtennissports. Er war WM-Dritter im
Einzel 1965 in Ljubljana und 1967 in Stockholm, WM-Zweiter 1969 in München. Seit
Schölers Glanzzeit erreichte nur noch ein weiterer Verteidiger das WM-Finale -
und auch dies erst 34 Jahre später: 2003 in Paris hatte der Südkoreaner Joo Sea
Hyuk seinen grossen Auftritt. Joo war und ist ein grosser Hoffnungsträger,
einer von nur wenigen allerdings. Weltweit treibt die Fans bis heute die Sorge:
Stirbt die Abwehr aus?
Das Material spielt
heute eine grosse Rolle, mehr denn je. Abwehrspieler von internationalem Format
setzen ausnahmslos auf Kombischläger, mit einem Noppeninnenbelagauf der
Vorhand und langen oder kurzen Noppen auf der Rückhand. "Weshalb", so
fragt sich Schöler, "macht sich niemand die Mühe, das beidseitige
Abwehrspiel mit zwei Noppeninnenbelägen zu erlernen?"
Schöler weiss, wovon
er spricht. Er hat selbst so gespielt, wenn auch erst ab 1972. Nach den
Weltmeisterschaften 1959 in Dortmund, die eine Regeländerung zugunsten der bis
dahin verbotenen Schaumgummibeläge brachten, fing Schöler an, mit einem Noppeninnenbelag
zu spielen. Schöler behielt allerdings seinen Noppengummi auf der Rückhand.
Mehr als zehn Jahre lang mit grossem Erfolg, doch irgendwann, so erinnert er
sich, "hatten sich die Leute auf das Noppengummi eingestellt. Wenn mir
einer dann konsequent in die Rückhand gespielt hat, konnte er mich da festnageln."
Mit einem Noppeninnenbelag
auf der Rückhand konnte er einen besseren Schnittwechsel spielen, "genau
wie auf der Vorhand". Natürlich hatte die Sache auch ihren Preis.
"Wenn einer Topspins mit viel Rotation gespielt hat, musste ich tief
runtergehen. Das geht auf die Knochen."
„Mit der Vorhand geht es doch auch"
Eberhard Schöler
verkennt nicht, dass die Zeiten sich gewandelt haben. "Die Beläge, die ich
damals gespielt habe, waren relativ dünn, die Kontrolle also einfacher. Und die
athletische Ausbildung der Angreifer war nicht so gut wie heute." Er sieht
sehr wohl, dass es gegen die extrem schnellen und aggressiven Topspins der
heutigen Weltklassespieler äusserst schwierig sein dürfte, beidseitig mit Noppeninnenbelägen
abzuwehren. Die Noppen - vor allem lange Noppen - vereinfachen es, mit viel
Rotation gezogene Topspins kontrolliert abzuwehren. Und doch hält er es für
einen Versuch wert, ein variantenreicheres Abwehrspiel zu praktizieren. Und wenn
die Kontrolle der gegnerischen Topspins mit einem Noppeninnenbelag so schwierig
sein soll, so fragt er, "warum können die Abwehrspieler dann mit der
Vorhand drunter gehen?" Das müsste doch auch mit der Rückhand möglich
sein.
Die universell
richtige Lösung gibt es gewiss nicht, schon gar nicht für Abwehrspieler, die
ausgeprägte Individualisten sind. Schöler selbst hat es Anfang der 60er Jahre
mit kurzen Noppen versucht, befand aber, aufgrund seiner kurzen Bewegungen
könne er damit nicht genügend Variationen erzeugen. Auch lange Noppen hat er
mal gespielt. „Aber nur zwei oder drei Wochen, dann habe ich die Idee
verworfen.
Sieben Abwehrspieler in den Top 100
Die Abwehrspieler der
Zukunft jedoch -da sind sich alle einig- werden viele Waffen brauchen. Sie
müssen so variantenreich agieren wie nur möglich, und wäre das nicht am ehesten
mit zwei Noppeninnenbelägen machbar? Denkbar wäre auch eine Mischung, die es so
noch nicht gegeben hat: eine Symbiose aus Schnitt- und Ballonabwehr auf höchstem
Niveau. Auch der vermehrte Einsatz von Abwehrbällen mit stärkerer seitlicher
Rotation bietet noch Entwicklungspotenzial. Gefragt ist vor allem
Variantenreichtum. Ob Regeländerungen den Verteidigern massgeblich helfen
würden, ist indes zu bezweifeln. "Um das herauszufinden, müsste man
wirklich wissenschaftliche Untersuchungen durchführen", sagt Schöler.
Eines jedoch war für ihn schon vorher klar: "Der 40-mm-Ball ist nicht
genug, man hätte einen noch grösseren nehmen müssen." Als Vizepräsident
der ETTU und Mitglied im Board of Directors des Weltverbandes ITTF war er schon
frühzeitig mit Untersuchungen vertraut, aus denen hervorging, "dass die 12
oder 15 Prozent durch grössere Athletik und schnellere Beläge ausgeglichen
werden".
Helfen könnte den
Verteidigern vermutlich eine drastische Reduzierung der Belagstärke. Doch ist
dies notwendig? Ein Blick auf die Weltrangliste (Stand Dezember 2009) zeigt, dass
es nicht so schlecht um die Abwehrspieler bestellt ist. Immerhin sieben Abwehrspieler
sind in den Top 100 vertreten. Es gibt durchaus noch Weltklasse-Verteidiger,
und weil es nicht mehr so viele sind, tun sich so manche Angreifer mittlerweile
schwer gegen sie.
Der aktuell beste „klassische“ Verteidiger auf Schweizer Boden ist übrigens Akos Maklari, vom CTT Forward-Morges. Er hat in Nationalliga A 11 von 19 Spielen gewonnen und damit eine Siegesbilanz von 57,9 Prozent. Der beste „moderne“ Verteidiger in der Schweiz ist Li Jian, der beim TTC Neuhausen spielt. Er ist einer, der die Vorhand oft offensiv spielt (gegen-Topspin), auf der Rückhand allerdings verteidigt.
Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 11. Februar 2010 )