Nächste Schritte nach dem EM-Debüt

Nach einer lehrreichen Para-Europameisterschaft in Schweden stellt Leon Schüep die Weichen für die nächsten Karriereetappen: Mit gezieltem Training und der Teilnahme an mehr internationalen Turnieren will er es letztendlich an die Paralympics schaffen.

Text: Sebastian Lauener / Fotos: Andrii Lukatskyi, Fabrice Descloux

 

Hallo Leon, in Helsingborg hast du deine erste Europameisterschaft im Para-Tischtennis gespielt. Es hiess vorgängig, dass es vor allem darum geht, erste Erfahrungen auf der internationalen Bühne zu sammeln. Wie waren deine ersten Eindrücke?

Leon Schüep: Die EM war für mich eine äusserst wertvolle Erfahrung. Besonders hervorgestochen haben für mich die Atmosphäre, das Niveau der Spieler und die vor Ort wahrnehmbare Bedeutung des Turniers. Ich konnte wichtige Erfahrungen sammeln in Bezug auf Spielvorbereitung sowie Taktik und die EM zeigte mir auf, wo ich stehe, was ich gut kann und an was ich noch arbeiten muss.

 

Bist du zufrieden mit deiner Leistung?

Mit meiner Leistung bin ich im Nachhinein zufrieden. Ein 1:3 gegen die Nummer 8 der Welt, eine knappe Niederlage gegen die Nummer 12 sowie ein klarer Sieg dürften auf der Para-Tischtennis-Bühne sicherlich Respekt hinterlassen haben und geben mir eine gute Zuversicht für die kommenden Turniere. Während der EM sah das allerdings ein wenig anders aus: In vielen Momenten hatte ich das Gefühl, gewisse Situationen besser lösen zu können. Mit einem zweiten Blick auf die gespielten Matches wird mir aber bewusst, dass im Spiel stark auf meine Schwächen eingegangen wurde und ich gut dagegen angekämpft habe.

 

Gibt es noch Eindrücke neben dem sportlichen Aspekt, die geblieben sind?

Die ganzen Finals der unterschiedlichen Kategorien, die ich am letzten Tag schauen konnte, waren sehr eindrücklich. Nebst Tischtennis bleibt mir vor allem der Schnee, die kalten Temperaturen und natürlich das Zusammensein mit Team Schweiz in Erinnerung.

 

Du erwähntest Schwächen: An was musst du in naher Zukunft im Training noch arbeiten und was lief bereits gut?

Ich habe gemerkt, dass ich mich besonders beim Rückschlag verbessern muss. Meine Gegner haben starke Services und etwa im letzten Satz gegen die Nummer 12 machte ich drei Rückschlagfehler. Ohne diese hätte es anders ausgehen können. Ziemlich zufrieden bin ich wiederum mit meiner Leistung in den längeren Ballwechseln: Dank meiner Stabilität und Schnelligkeit auf den Beinen bin ich in den Rallyes den Gegnern definitiv überlegen und konnte praktisch jeden Punkt machen.

 

Wie sieht eine Trainingswoche von dir aus und wie kannst du dich in den Einheiten – besonders im Hinblick auf Para-Tischtennis – gezielt verbessern?

Momentan trainiere ich montags, mittwochs und freitags beim TTC Basel sowie dienstags und donnerstags beim ESV Weil am Rhein – in Weil vor allem, um neue Trainingspartner zu haben. Die Anzahl Trainings variiert jedoch momentan sehr, da ich diesen Sommer mit meinem Studium angefangen habe.

Eine grosse Herausforderung für mich ist es, mit validen Spielern für die Spiele an Para-Wettkämpfen zu trainieren: Im Para-Tischtennis, insbesondere in der Klasse 6, spielt die Platzierung (besonders auch kurz-lang) eine viel wichtigere Rolle als die Geschwindigkeit. Es geht deutlich mehr um Taktik und ein kurzer Service etwa kann bereits einen direkten Punkt bedeuten. Während im regulären Training ein kurzer Aufschlag für die meisten Spieler kaum ein Problem darstellt, muss ich diese Elemente gezielt priorisieren. Jedes Mal, wenn ich an Turnieren gegen Para-Spieler antrete, ist es eine Umstellung, weil deutlich sicherheits- und platzierungsorientierter gespielt wird.

 

Gibt es in Basel und Weil am Rhein genug Möglichkeiten, um an den von dir genannten Schwerpunkten zu arbeiten? Wie parafreundlich lässt sich das Trainingsumfeld gestalten?

Um mich bestmöglich an das typische Para-Spiel anzupassen, nehme ich natürlich auch Einzeltrainings. Dort arbeite ich gezielt an den Elementen, die ich speziell gegen andere Para-Spieler brauche. In Zukunft möchte ich noch stärker den Fokus auf para-spezifisches Training legen und das Spiel gegen tischnahe Langnoppenspieler.

Momentan habe ich keine Möglichkeit, mit anderen Para-Spielern der Klasse 6 zu trainieren. In Deutschland gibt es einige Spieler dieser Klasse und vielleicht ergibt sich irgendwann eine Gelegenheit, dort mal bei einem Training mitzumachen.

 

Du nennst die «Klasse 6», es gibt insgesamt elf Wettkampfklassen im Para-Tischtennis. Was sind die Charakteristika der einzelnen Klassen?

Die Klassen 1-5 sind Rollstuhlspielern vorbehalten, die Klassen 6-11 den stehenden Spielern. Ich wurde in die Klasse 6 eingeteilt, was bedeutet, dass ich eine grössere körperliche Einschränkung habe und entsprechend gegen Spieler mit ähnlicher Einschränkung antrete. In dieser Kategorie werden Schwächen sehr gezielt ausgenutzt und eine einzige kleine Einschränkung kann das gesamte Spiel beeinflussen. Um solche Schwächen zu erkennen und auszunutzen oder die eigene zu verteidigen, sind Taktik und präzise Platzierung entscheidend.

Da sich Spielerinnen und Spieler der Klasse 6 aufgrund ihrer Behinderung meist nur eingeschränkt bewegen können und oft eine geringere Körperspannung haben, spielt fast die Hälfte von ihnen mit langen Noppen am Tisch. Generell ist Materialspiel in dieser Klasse besonders charakteristisch, vor allem, um ständig Variation und unangenehme Rhythmuswechsel ins Spiel zu bringen. Deshalb muss ich auch im regulären Training versuchen, häufiger gegen Materialspieler zu trainieren, um mehr Sicherheit und ein besseres Verständnis für diese Spielweise zu gewinnen.

 

Aufgrund deiner letzten Antwort gehe ich davon aus, dass du keine langen Noppen spielst? Hast du bereits mal einen Materialwechsel erwogen oder würde sich das nicht gut mit deiner Spielweise vereinen lassen?

Vor etwa zwei Jahren habe ich meine Rückhand auf kurze Noppen umgestellt, da ich eine Rotationseinschränkung im Handgelenk habe. Mit kurzen Noppen kann ich den Rückhand-Schuss besser einsetzen und habe vor allem beim Blocken weniger Probleme mit spinreichen Bällen. Diese Umstellung hat sich bisher bewährt. Da meine Spielweise sehr aktiv und aggressiv ist, würden lange Noppen vermutlich nicht geeignet sein, wobei ich das eigentlich schon auch noch gern mal ausprobieren möchte. Ein weiteres Problem wäre aber, dass ich meinen Schläger während eines Ballwechsels nicht drehen kann.

 

Was sind deine Ambitionen: Gibt es konkrete Ziele, die du für die Zukunft hast?

Mein grosses Ziel ist natürlich, an den Paralympics 2028 oder 2032 teilzunehmen. Ich denke, wenn ich konsequent weiterarbeite, ist das mehr oder weniger ein realistisches Ziel – aber dafür braucht es weiterhin viel harte Arbeit: Nebst dem Trainieren muss ich an möglichst vielen internationalen Para-Turnieren teilnehmen. Seit Anfang dieses Jahres werden die sechs besten Turnierresultate eines Spielers für das Ranking zusammengezählt, was heisst: Je mehr Turniere man spielt, desto grösser ist die Chance, gute Resultate zu erzielen und im Ranking aufzusteigen. Für die kommenden Jahre ist das klare Ziel, möglichst viele Turniere zu spielen und dabei starke Resultate zu erzielen, um im Ranking weiter nach oben zu kommen. Jedoch sind die Turnierteilnahmen, Einzeltrainings und tischtennisspezifischen Prothesen mit hohen Kosten verbunden – deshalb gehört auch die Suche nach Sponsoren zu meinen Aufgaben. Dafür habe ich mit leonschuep.ch eine eigene Website erstellt, wo ich mit Blogeinträgen regelmässig über meine Unternehmungen informiere und wo Sponsoren oder Gönner den Kontakt aufnehmen können.